Tiefenökologie

„Wir sind zugleich Sterbebegleiter für eine endende Kultur und Hebammen für eine neue langfristig lebenserhaltende Welt. Beides findet zur gleichen Zeit statt. Wir sind mitten drin und können Einfluss nehmen, wie sich dieser Übergang vollzieht. Lasst uns gemeinsam dem Wandel Kraft geben“
Joanna Macy

Dieses Zitat von meiner Lehrerin Joanna Macy trifft es gut, wir sind mitten drin – ob wir wollen oder nicht, wir sind verbunden / eingewoben in das Netz des Lebens. Und es kommt auf Jede und Jeden von uns an – was ich denke, was ich sage, was ich tue…

Hallo ihr lieben tiefenökologisch bewegten Menschen,

Joanna Macy ist letzte Nacht (19. auf 20.7.25 unserer Zeit) gestorben. Sie lag über drei Wochen zu Hause in Berkeley/Kalifornien im Hospiz. Liebevoll begleitet von ihren Liebsten. So hat sie um 3.56 pm (ihrer Zeit) das letzte Mal ausgeatmet. Ihre Tochter schreibt: „We sang to her and told her what a great job she was doing. It was all very peaceful.“

Sie ist seit 28 Jahren eine sehr wichtige und liebe Lehrerin von mir. Als ich sie damals traf, war tief in mir sofort klar, dass das die Arbeit ist, die ich in meinem Leben machen möchte. Und die „Arbeit der Tiefenökologie oder Active Hope“ ist ja nicht wirklich eine Arbeit, sondern eine innere Haltung, ein Bewusstseinswandel, eine Arbeit die wieder verbindet: so zu leben, so zu denken und zu handel, dass es gut für mich und gut für die Mitwelt, für alles Lebendige ist… und dabei nicht zu verzweifeln an all den Herausforderungen.

Für mich ist es eine lebenslange Praxis, die mich intensiv die Intensität des Lebens empfinden lässt. Ich bin dem Leben so unendlich dankbar, dass ich die „Arbeit“ und meine wunderbare Lehrerin kennen lernen durfte!

Und der Weg durch die Spirale wird weiter gehen – sie hat sooo viele Menschen weltweit inspiriert und ermutigt „Für das Leben! Ohne warum“ zu gehen. Und die Unwissenheit lieb zu haben, denn wir wissen nicht, wie es werden wird (auch wenn die Prognosen sehr düster aussehen) – was wir haben ist genau diesen gegenwärtigen Moment und können unsere Präsenz schenken. Wir haben all die Gaben unserer Ahn*innen (auch nicht nur freudige und lebensförderliche), doch wir können Teil der Wandelbewegung sein und die Trauer, den Schmerz und die Wut transformiert, in Liebe und den Sinn für Gerechtigkeit. Lasst uns den Weg der Präsenz und des Nicht-Wissens gehen, uns unterstützen, denn wir brauchen einander, wir brauchen Weggefährt*innen!

Für uns, für die zukünftigen Generationen, für alle Wesen, für die Erde…

Traurige und zutiefst dankbare Grüße

Gabi

PS: das Foto habe ich vor 12 Jahren in einem Workshop gemacht, den sie zusammen mit Chris Johnstone in Südwestengland durchführte. Das war ihr letzter Workshop in Europa und für mich zeigt es Joanna in ihrer Weltoffenheit und Lebensfreude.

PPS: Joanna’s Arbeit geht weiter, durch uns!

Joanna Macy

Was ist Tiefenökologie

Definition: Tiefenökologie ist eine Arbeit in Gruppen, die ermutigt, in einer Zeit der immer weiter zunehmenden ökologischen und sozialen Herausforderungen und Zerstörungen, handlungsfähig zu bleiben. Sie fördert die Fähigkeit, an der Heilung unserer Welt mitzuwirken. Die Arbeit basiert auf einem systemischen Denken und der Weisheit der Indigenen. Auf der Erkenntnis, das Alles in wechselseitiger Verbundenheit mit Allen lebt und jedes Lebewesen einen Wert an sich hat. Es geht darum, eine tiefgreifende, ethische und spirituelle Lebenshaltung zu entwickeln.

Geschichte und Wurzeln

Die Wurzeln reichen weit zurück in der Menschheitsgeschichte. In indigenen Kulturen wurde und wird in einem ganzheitlichen Blick auf das Leben und die Verbundenheit geschaut. Z.B. „was hat unsere Entscheidung jetzt für Auswirkungen für kommende Generationen?“. Das hat sich global stark verändert mit dem Industriezeitalter, also im Anthropozän (ein Erdzeitalter, dass vom Menschen geprägt ist), wo die Ausrichtung auf Wachstum und Ressourcenausbeutung liegt. Und mit diesen Auswirkungen haben wir es immer mehr zu tun: Massenaussterben, Ausbeutung, wachsende Armut, Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen wg. den Folgen des Klimawandels…

Benennung: „Von der Verzweiflung zur Ermutigung“ so nannte meine Lehrerin Joanna Macy ihre Arbeit in den 70er. Damals ging es ihr als Umweltaktivistin um Friedensarbeit im Atomzeitalter. Durch Übungen, Rituale, Meditationen, Austausch und Reflektionen in Paaren und Gruppen spricht diese Arbeit uns auf verschiedenen Ebenen an und wirkt so auf eine ganzheitliche Art. Kurze Zeit später übernahm sie dann den Begriff „Tiefenökologie“ von Arne Naess, einem norwegischen Philosophen und Umweltaktivist. Naess argumentierte, dass ökologische Probleme aus tieferliegenden philosophischen und psychologischen Ursachen entstehen und daher ein radikales Umdenken erfordern. Seit einigen Jahren verwendet Joanna Macy den Titel „The Work That Reconnects“ (die Arbeit die wiederverbindet). Ja, es geht um Ursachen ergründen und sich wieder zu verbinden – mit sich selbst, mit anderen Wesen, mit der Erde, mit dem gesamten Universum.

Ausrichtung: Diese Arbeit trägt zum Bewusstseinswandel bei, einem Wandel in uns, einem Wandel, der aus Erkenntnis UND Mitgefühl entsteht. Wenn Kopf und Herz sich verbinden, wenn ich es kognitiv verstehe und dieses Wissen in meine Zellen, in mein Herz sinkt, dann kann ein Impuls zum Handeln entstehen – ein Handeln aus dem HerzVerstand!

Bedeutung Heute

Gesellschaftliche und individuelle Transformation: Tiefenökologie fördert in uns die Haltung und sieht die NOTwendigkeit über unser „hautverkapseltes Ich“ zu denken, zu fühlen und zu handeln. D.h., den eigenen Konsum zu überdenken und sich für systemische Veränderungen im ökologischen, politischen und gesellschaftlichen einzusetzen, die eine nachhaltigere Zukunft ermöglichen.

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