Geschichte der Tiefenökologie
von Gunter Hamburger und Gabi Bott
Der Namensgeber der Arbeit Arne Naess war ein norwegischer Philosoph, engagiert in der Friedensbewegung nach dem 2. Weltkrieg, Umweltaktivist und Mitbegründer der Grünen Partei Norwegens. Er starb 2009 im Alter von 97 Jahren. Zudem war er Schüler von Gandhi. Mitte der 1970er Jahre, gab es in Deutschland noch keine Grüne Partei und Umweltschutz konzentrierte sich fast ausschließlich darauf, natürliche Systeme und Organismen, wenn diese ge- oder zerstört waren zu „reparieren“. Die Sichtweise der Umweltschutzbewegung damals entsprach hauptsächlich jener von „außen stehenden Betrachtern“, die unabhängig von den Umweltprozessen existieren. Diese Sichtweise kritisierte Naess. Er betonte, dass menschliches wie nicht-menschliches Leben auf der Erde einen Wert an sich hat und es wichtig sei, die Beziehungen und Lebensmuster zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Leben in den Fokus zu rücken.
Diese Erkenntnis führte ihn, gemeinsam mit dem amerikanischen Umweltaktivisten und Philosophen George Sessions, Mitte der 1970er Jahre zur Formulierung von acht sogenannten „ökologischen Prinzipien“ als Grundlage einer tiefenökologischen Bewusstseinshaltung. Sie betonten, dass es sich dabei nicht um konkrete politische Handlungsanweisungen handele, sondern um allgemeine Grundsätze, die keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit erheben. U.a. sprachen sie, wie bereits erwähnt, von allem Leben auf der Erde, das einen Wert an sich habe, ebenso wie die Vielfalt aller Lebensformen einen Wert an sich haben und der Mensch nicht das Recht habe, diese Vielfalt zu zerstören.
Die viel kritisierte Passage in den ökologischen Prinzipien in Bezug auf eine notwendige Abnahme der Weltbevölkerung betraf ihre Überzeugung, dass ein solcher Bevölkerungsrückgang dringend geboten sei, damit auch die übrigen Lebensformen sich weiterhin entfalten können. Weiter schrieben sie, dass es dazu einer neuen Politik bedarf, die von unserem konsum- und profitorientierten Wirtschaftssystem wegführt, und in der die Lebensqualität mehr gelte als ein lediglich auf Konsum basierender hoher Lebensstandard. Der Fokus von Naess und Sessions lag auf einer Kritik an unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem und unserem Konsumverhalten, das für beide eine zunehmend bedrohlichere Gefahr für alles Leben darstellte. Sie betonten die Bedeutung des Artensterbens und schrieben, dass seit Beginn der Industrialisierung mehr Lebensformen von der Erde verschwunden waren, als in jeder anderen Periode der Erdgeschichte zuvor (ausgenommen der Massenaussterben). Das war vor fast 50 Jahren.
Im Buch „Politik des Herzens“ von Geseko von Lüpke (Arun-Verlag 2003, S. 110) gibt Naess folgende Antwort auf das Thema Überbevölkerung:
Lüpke: „In der Auflistung der acht Grundgedanken der Tiefenökologie erwähnten Sie auch die Position, dass wir uns um einen Rückgang der Überbevölkerung kümmern müssen. Auch das ist den Tiefenökologen vorgeworfen worden: Dass sie nichts gegen Katastrophen hätte, weil sie die Zahl der Menschen reduziere.“
Naess: „Das ist völliger Unsinn. Denn das Problem der Überbevölkerung ist primär das Problem der reichen Länder. Dieses Problem ist untrennbar damit verbunden, dass eine kleine Minderheit von vielleicht 500 Millionen Menschen in den reichen Ländern so viel vom Planeten Erde zerstört hat, dass den Menschen der Dritten Welt kein Vorwurf daraus gemacht werden kann, wenn sie auf die Not mit mehr Geburten reagieren. Die Lösung des Problems der Überbevölkerung wird Hunderte von Jahren in Anspruch nehmen, weil es ethisch gelöst werden muss. Sicherlich müssen wir uns mit mehr Verantwortung ethische Fragen stellen, wenn wir neues Leben in die Welt setzen.“
Arne Naess führte den Begriff der Tiefenökologie zum ersten Mal im Jahre 1973 ein. Damit ist die philosophische Seite der Arbeit beschrieben.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Tiefenökologie, wie sie weltweit verstanden und praktiziert wird, weiterentwickelt. Einen Strang, der sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse bezieht, bildet die von Naturwissenschaftler*innen entwickelte „Allgemeine Systemtheorie“, die „Hypothese der selbstregulativen Prozesse der Biosphäre“ (sogenannte Gaia-Theorie, entwickelt von dem britischen Wissenschaftler James Lovelock und der Mikrobiologin Lynn Margulis) und die Evolutionstheorie über die Entstehung der Arten im erdgeschichtlichen Kontext. Die Gaia-Theorie besagt, dass die Erde nicht lediglich ein Gesteinsbrocken ist, sondern ein lebendiges, sich selbst organisierendes System und wir als Menschheit sind ein Teil darin, von ihr abhängig und mit ihr verbunden.
Ein weiterer und für unsere praktische tiefenökologische Arbeit bedeutsamer Strang ist die von Joanna Macy Ende der 1970er Jahre entwickelte Form von (psychologischer) Gruppenarbeit. Sie ermöglicht es uns, unseren Gefühlen angesichts von z.B. der Klimakatastrophe, dem Artensterben und dem Zusammenbruch unserer Lebenssysteme Ausdruck zu geben.
Tiefenökologie wie wir, die Kolleg*innen von Joanna Macy, sie praktizieren ist vor allem in ihren beiden letzten Büchern anschaulich beschrieben:
- Active Hope – der ökologischen Krise mit kreativer Kraft und Resilienz entgegentreten, Junfermann Verlag 2024 und
- Für das Leben! Ohne Warum – Ermutigung zu einer spirituell-ökologischen Revolution, Junfermann Verlag 2017.
Stimmen zu diesem Buch:
- Konstantin Wecker, Liedermacher und Poet: „Die inspirierenden Gedanken zur Tiefenökologie… treffen sich… sehr schön… mit der auch in meinen Konzertprogrammen vielfach formulierten Notwendigkeit einer gewaltfreien Revolution, einer Vernetzung selbstbestimmter Organisationsformen, kooperativer Gesellschaftsstrukturen gegen die herrschende Kultur, gespeist aus rebellischer Politik, nicht stromlinienförmiger Kultur und undogmatischer Spiritualität.“
- Niko Paech, Nachhaltigkeitsforscher: „Joanna Macy verfügt über die seltene Gabe, Optimismus und Motivation zu stiften, ohne die desaströse Situation unserer Ökosphäre deshalb zu verschweigen. Sie hat… jene Lücken zu füllen vermocht, an die sich der fortschrittsgläubige Nachhaltigkeitsmainstream nicht herantraut…“.
- Edgar Hagen, Filmemacher „Die Reise zum sichersten Ort der Erde“ über die weltweite Suche nach einem Endlager für Atommüll: „Ein Buch wie eine Operation am offenen Herzen eines auf Ausbeutung aller Ressourcen und Entfremdung hin orientierten Systems… Diese Anleitung zum zivilen Ungehorsam ist von brennender Aktualität.“
Die von Arne Naess und George Sessions in den 1970er Jahren formulierten acht Prinzipien haben sich inzwischen weiter entwickelt zu den „12 Punkten des holonischen Wandels“, die als Ethik unserer Arbeit gesehen werden.