Ethik der Tiefenökologie

12 Punkte des holonischen* Wandels

*Ein Holon ist ein eigenständiges Ganzes und somit autonom. Gleichzeitig ist es immer auch integraler Teil eines größeren Ganzen und somit davon abhängig.

Wie kann es uns als Einzelne gelingen, dass der holonische Wandel zum Allgemeingut – Commons – wird und damit dem Wohle aller dient? Diese Punkte wurden erstmals 1990 von Joanna Macy in Zusammenarbeit mit deutschen Kolleg*innen formuliert. Sie sollen zur weiteren Reflexion anregen.

    1. Stimme dich auf eine gemeinsame Absicht ein. Diese Absicht ist weder ein Ziel noch ein Plan, der sich präzise in Worte fassen lässt. Sie ist vielmehr ergebnisoffen: Im Vordergrund stehen unsere gemeinsamen Bedürfnisse und neue Formen der Zusammenarbeit.
    2. Heiße Vielfalt willkommen. Die Selbstorganisation des Ganzen erfordert die Verschiedenheit seiner Teile. Die Rolle, die jede Person auf dieser Reise ins Unbekannte spielt, ist einzigartig.
    3. Sei dir bewusst, dass nur das Ganze sich selbst heilen kann. Du kannst die Welt nicht reparieren, sondern an ihrem Selbstheilungsprozess teilhaben. Die Heilung verwundeter Beziehungen in dir selbst und zwischen dir und anderen ist ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Heilungsprozesses.
    4. Lerne zu vertrauen. Vertrauen heißt teilnehmen und dabei Risiken eingehen, selbst dann, wenn du den Ausgang weder erleben wirst noch kontrollieren kannst. Denn du bist nur ein kleiner Teil eines weit größeren Prozesses, ähnlich einer Nervenzelle in einem neuronalen Netz.
    5. Öffne dich dem Fluss der Informationen aus dem größeren System. Lasse die schmerzhaften Informationen über die Bedingungen in unserer Welt, die du wahrnimmst, zu. Durch deine Verbundenheit mit der Welt und deine Bereitschaft, dich dem Schmerz zu stellen, kannst du ihn fühlen und verstehen. Dadurch werden blockierte Feedbackschleifen geöffnet. Für das Wohlbefinden des Ganzen ist dies wesentlich.
    6. Teile den anderen mit, wie du die Welt unter den gegenwärtigen Bedingungen erlebst. Wenn die Reaktionen der anderen deinem Erleben entsprechen, kannst du davon ausgehen, dass sie ähnlich empfinden. Sei bereit, alte Wertvorstellungen und Rollenmuster loszulassen, damit du jene Fragen stellen kannst, die dich tief in deinem Innern bewegen.
    7. Glaube niemandem, der sagt, er habe die absolute Wahrheit gefunden. Solche Behauptungen sind Zeichen von Ignoranz und Egoismus.
    8. Arbeite vermehrt in Gruppen oder beteilige dich an Projekten, die gemeinsamen Zielen dienen. Durch gemeinsame Aufgaben und Rituale wird Gemeinschaft erzeugt. 
    9. Gehe mit deinen Kenntnissen und Stärken großzügig um – sie sind kein persönlicher Besitz. Sie wachsen, indem du sie teilst und sie beinhalten beides – dein Wissen und dein Nicht-Wissen sowie die Gaben deiner Vorfahren und aller Lebewesen.
    10. Fördere die Stärken der anderen durch deine Wertschätzung. Beurteile niemals vorschnell, was jemand beitragen kann, sondern mache dich vielmehr auf Überraschungen und neue Synergieeffekte gefasst.
    11. Die Ergebnisse deines Wirkens wirst du selten unmittelbar erfahren. Die Auswirkungen deines Handelns sind so unvorhersehbar und weitreichend, dass sie vermutlich deine Lebenszeit überdauern werden.
    12. Gib der Gelassenheit und Freude bei all deinen Anstrengungen Raum. Du weißt, du wirst vom Netz des Lebens gehalten, einem Netz, das von Energie, Information und Intelligenz durchströmt wird und weit über das hinausreicht, was deine persönliche Individualität ausmacht.

aus: Joanna Macy, Molly Brown, „Für das Leben! Ohne Warum“, Junfermann-Verlag 2017

In einem unveröffentlichten Aufsatz aus dem Jahre 1994 mit dem Titel „The Holonic Shift and how to take part in it (12 steps)“ beschreibt Joanna Macy den „Holonischen Wandel“ im Rahmen ihrer Vorlesungen in „Allgemeiner Systemtheorie“:

„All living systems – be they organic like a cell or human body, or supra organic like a society or ecosystem – are holons. That means they have a dual nature: they are both wholes in themselves and, simultaneously, integral parts of larger wholes. German Novelist Arthur Koestler coined the term holon from the Greek word for whole (hol, german: ganz, vollständig), plus the suffix on, meaning part.

Living phenomena, therefore, appear as systems within systems, fields within fields, like a set of Chinese boxes or Russian dolls. Each represents a level of organization provided by the interactions of systems at the previous level – as the interactions of atoms provide the organizational basis for molecules, and those of molecules for cells, and cells for organs and organisms, and organisms for communities, and so forth. Life is organized into nested hierarchies. Since they are not characterized with the term hierarchy, some theorists prefer to say “holonarchy”.

In this step-wise organization of living systems, emergence is a universal and striking feature. At each holonic level new properties and new possibilities emerge, which could not have been predicted. From the respective qualities of oxygen and hydrogen, for example, you would never guess the properties that emerge when they interact to make water. Or take steel: the synergistic strength or iron and nickel together, as they combine, far exceeds the strength of one added to the strength of the other.

Given the accelerating dangers that face us, it seems that such a holonic shift is necessary for survival. Since Earth’s carrying capacity is limited, and since the ecosystems supporting us are threatened with collapse, we must learn to think together now in an integrated, synergistic fashion, rather than in the old fragmented and competitive ways. We need a quantum leap in our ability to share and respond collaboratively. And our present modes of collective decision-making, even such fine inventions as the ballot box, appear to be too slow and too corruptible for the immediate, responsive self-guidance, that is now required.

Is such a collective purpose arising now, in which we find common identity as a planet people? Do we detect it in our own hopes and strivings, and in those around us? Surely each day brings news of increasing conflict and violence, and my own country exhibits a culture of accelerating greed and aggression. And yet … there are remarkable unfoldings not featured in the media: grassroots initiatives where ordinary citizens risk their comfort, jobs, and even their lives for the sake of a just, sustainable world. They are clearly motivated by a larger self-interest than their own individual needs and wants. The deep ecology work I conduct in many countries – group work where people from all walks of life express their deepest truths and longings – reveals to me a remarkable shift, a leap of motivation from personal advantage to collective well-being and survival.

Whether or not we choose to argue it in terms of general systems theory, the holonic shift can serve as a metaphor for our collective purpose – and for our emerging sense of identity as a planet people – which arises now to organize our individual responses and choices.”

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